Nû lebe ich mir alrêrst werde

Zur Abwechslung hier mal ein ganz altes Schätzchen – so alt, daß man es heute kaum noch versteht. Darum habe ich jeder Strophe eine freie Übertragung in heutiges Deutsch beigefügt. Auch „Palästinalied“ oder „Kreuzfahrerlied“ genannt.


Nû lebe ich mir alrêrst werde,
sît mîn sündic ouge sihet
daz hêre lant und ouch die erde,
der man vil der êren gihet.
Nû ist geschehen, des ich ie bat:
ich bin komen an die stat,
dâ got mennischlîchen trat.

Nun erst lebʼ ich meiner würdig,
seit mein sündig Auge sieht
jenes Land auf dieser Erde,
dem man so viel Ehre gibt.
Nun geschehen ist, was ich erbat:
Ich bin gekommen an die Statt,
die Gott einst als Mensch betrat.

Schœniu lant rîch unde hêre,
swaz ich der noch hân gesehen,
sô bist dûz ir aller êre.
Waz ist wunders hie geschehen!
Daz ein maget ein kint gebar,
hêre über aller engel schar,
was daz niht ein wunder gar?

Schöne Länder, reich und hehre,
wie ich sie noch nie gesehn,
übertriffst du all an Ehre!
Was sind Wunder hier geschehn:
Daß die Magd ein Kind gebar,
den Herrn über aller Engel Schar;
war das nicht ein Wunder gar?

Hie liez er sich reine toufen,
daz der mensche reine sî.
Dô liez er sich hie verkoufen,
daz wir eigen wurden frî.
Anders wæren wir verlorn.
Wol dir, sper, kriuze unde dorn!
Wê dir, heiden, daz ist dir zorn!

Hier ließ sich der Reine taufen, [1]
daß der Mensch auch reine sei.
Hier ließ er sich auch verkaufen,
daß wir Knechte würden frei;
wenn nicht, wären wir verlorn.
Wohl dir, Speer, Kreuz, Kronʼ aus Dorn!
Weh euch Heiden, eurem Zorn! [2]

Hinnen fuor der sun zer helle
von dem grabe, dâ er inne lac.
Des was ie der vater geselle,
und der geist, den nieman mac
sunder scheiden: êst al ein,
sleht und ebener danne ein zein,
als er Abrahâme erschein.

Als der Sohn lag in dem Grabe,
hin er zu den Toten fuhr, [3]
wiewohl er doch mit dem Vater
und dem Geist ein Gott stets nur,
den kein Mensch je scheiden kann:
Wer begreif es, welcher Mann?
So erschien er Abraham. [4]

Dô er den tievel dô geschande,
daz nie keiser baz gestreit,
dô fuor er her wider ze lande.
Dô huob sich der juden leit,
daz er herre ir huote brach,
und daz man in sît lebendic sach,
den ir hant sluoc unde stach.

Als er Satan machtʼ zuschanden,
wie kein Kaiser besser stritt,
fuhr er auf, [5] erschien im Lande,
was der Jude nicht gut litt.
Gott wolltʼ ihn zum Herrn erhöhʼn;
so solltʼ lebend den man sehʼn,
den durchbohrten sie vordem. [6]

In diz lant hât er gesprochen
einen angeslîchen tac,
dâ diu witwe wirt gerochen
und der weise klagen mac
und der arme den gewalt,
der dâ wirt an ime gestalt.
Wol ime dort, der hie vergalt!

In dem Land hat er verheißen
einen fürchterlichen Tag: [7]
Dann rächt er das Blut des Waisen;
auch die Witwe klagen mag,
und des Armen Ruf dann schallt,
was man ihnen tat Gewalt.
Wohl dem dort, der’s hier vergalt! [8]

Kristen, juden unde heiden
jehent, daz diz ir erbe sî:
got müeze ez ze rehte scheiden
durch die sîne namen drî.
Al diu werlt diu strîtet her.
Wir sîn an der rehten ger:
reht ist, daz er uns gewer.

Christen, Juden und auch Heiden
fordern, daß dies ihr Land sei;
Gott muß es zurecht wohl schneiden
durch die Namen seiner drei.
Alle Welt zum Streit kommt her!
Recht jedoch ist unser Begehr;
recht ist, daß er uns erhör.


Walther von der Vogelweide (1170-1230)
Originaltext nach der Wikipedia. Dort steht auch eine wörtliche Übersetzung.
Freie Übertragung in heutiges Deutsch und Erklärungen: chrysostomosde, 2016-2018

Verschiedene Fassungen als Musikvideo bei YouTube

Mein Favorit: diese Version. Sie ist der hochmittelalterlichen Musik sehr schön nachempfunden und hat endlich mal keinen Altus als Gesangsstimme – das ist definitiv nicht mein Geschmack. Gute Musik bietet auch diese Fassung, allerdings nicht mit Walthers Text, sondern dem Originaltext zur Melodie, Alte clamat Epicurus. Das Video ist leider mit ziemlich blutrünstigen Bildern aus neueren Kreuzfahrerfilmen unterlegt.


Anmerkungen

[1] Damit ist nicht gemeint, daß Christus durch seine Taufe von irgendwelchen Sünden gereinigt wordem wäre (er war ja das reine, sündlose Lamm Gottes; vgl. Johannes 1,29.36; 1. Petrus 1,18-21; Hebräer 9,13-15), sondern daß er sich taufen ließ, obwohl er rein war (Matthäus 3,13ff). Das damalige Deutsch war in der Satzstellung noch viel freier als das heutige; vgl. die Lutherbibel, die noch in den jüngsten Revisionen oft von der heute üblichen Satzstellung abweicht. Walther hat sich hier um des Versmaßes willen so ausgedrückt, konnte aber damals davon ausgehen, daß seine Hörer oder Leser ihn nicht mißverstanden. O alte Bibelfestigkeit, wohin bist du entschwunden…! Und Schande auf mein eigenes Haupt, mir ist das erst jetzt aufgefallen – über zwei Jahre, nachdem ich diesen Text hier eingestellt habe!

[2] D.h.: Wohl denen, die glauben, daß Christus für sie litt und starb, aber wehe denen, die nicht glauben und sich gar dagegen empören.

[3] W.: „fuhr der Sohn zur Hölle“. Heute höchst mißverständlich, aber damals war mit „helle“ schlicht die Unterwelt gemeint, sei es im guten oder bösen Sinn (ebenso die entsprechenden biblischen Wörter [scheʼôl im hebr. AT, hâdês im griech. NT]). Später hat man dies dann als vermeintliche „Höllenfahrt“ Christi mißverstanden, als ob Christus noch nach seinem Tod Qualen gelitten hätte. Gemeint ist aber nur, daß Christi Geist im Totenreich war (und zwar im Paradies; Lukas 23,43), während sein Leib im Grab lag.

[4] In 1. Mose 18 besuchen drei Fremde Abraham; im Lauf der Geschichte zeigt sich, daß (mindestens) einer von ihnen kein geringerer ist als Gott der HERR. Da es drei Männer sind, wurde dies traditionell als Erscheinung der Dreieinigkeit aufgefaßt (eine mögliche, aber nicht zwingende Deutung).

[5] Damit ist die Auferstehung Jesu von den Toten gemeint, nicht seine Himmelfahrt. Erst stand er von den Toten auf, dann erschien er seinen Jüngern, und zuletzt erst fuhr er in den Himmel auf, was Walther hier ausläßt.

[6] „Politisch korrekt“ konditionierte Zeitgenossen mögen hierin vielleicht Antijudaismus sehen (der damals leider durchaus üblich war), aber das hieße, Walther Unrecht zu tun. Im Vergleich zu seinen Zeitgenossen, die ein Bischof deswegen zu recht „Pöbel“ schimpfte, geht Walther mit den Juden erstaunlich milde um und bietet lediglich sanfte Ironie. Neues und Altes Testament nennen die Sünden des Volkes Gottes weit deutlicher beim Namen – und diese gipfeln nun einmal in der Verwerfung und Ermordung des Messias. Wer meint, solche Aussagen wären antisemitisch, der müßte auch die Bibel für „antisemitisch“ halten – einschließlich des Alten Testaments! Ganz zu schweigen davon, daß alle Schriften der Bibel (außer dem Lukas-Evangelium) von Juden verfaßt wurden. Wie schrieb doch Erich Kästner: „Die Dummen werden nicht alle…“

[7] D.h. den Tag des Jüngsten Gerichts; vgl. z.B. Matthäus 24+25.

[8] D.h.: Wohl dem, der schon hier und jetzt den Waisen, Witwen und Armen beisteht (vgl. z.B. 5. Mose 24,17-22; Jesaja 1,17; 10,1-3; Jakobus 1,27) und ihnen Recht verschafft; Gott wird es ihm am Jüngsten Tag vergelten.

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