Von Liebe, Lieblosigkeit, Bienen und anderen Vögeln

An der sog. „Volxbibel“ scheiden sich bekanntlich die Geister. Wer sie kritisiert, der bekommt von ihren neo-evangelikalen Fans ruckzuck Etiketten wie „Pharisäer“, „Spalter“, „lieblos“ usw. verpaßt – nicht selten auf eine Art und Weise, die dem Anspruch christlicher Liebe derart Hohn spricht, daß man nicht weiß, ob man darüber lachen oder weinen soll. Zuerst veröffentlicht als Kommentar im (inzwischen stillgelegten) Zeltmacher-Blog am 12.05.2012.

Ein Mensch, der’s heutzutage wagt
und offen mal die Wahrheit sagt
(und dieses klar und laut, nicht leis),
bewegt sich schnell auf dünnes Eis.

Selbst wenn er’s tut aus reinem Triebe,
heißt es sofort: „Ihm fehlt die Liebe!“
Denn sicher ist’s nicht lieb noch nett,
wenn man was wo dagegen hätt’.

Ein frommer Mensch, das sag ich dir,
ist heutzutage nur dafür!
Doch ist er irgendwo dagegen,
verspielt sofort er Gottes Segen.

So redet man im ganzen Land;
und wehe dem, der den Verstand
selbst einmal einzuschalten wagt;
der wird zum Teufel schnell gejagt.

Die Liebe höret nimmer auf —
es sei denn, jemand kommt darauf,
zu prüfen, ob so manch „Prophet“
mit Gottes Wort in Einklang steht.

Und tut der’s nicht und fällt der Groschen,
wird voller „Liebe“ der verdroschen,
der Gottes Wort gehorsam warnt
vor einem solchen Scharlatan.

Darum: wenn sie auch voller Spott
und Lästerung, kann doch von Gott
die hehre Volx-„Bibel“ nur sein;
und wer dagegen, ist gemein!

Ach! — Es ist doch nichts neu auf Erden:
Das Volk, es will betrogen werden!
Das fromme Volk kann’s auch nicht leiden,
die Geister stets zu unterscheiden.

Wer geistlich gibt sich hochgekünstelt
und wer der Leute Bauch gut pinselt
und ihnen sagt, was sie gern hören,
der kann sie endlos schier betören.

Doch merke wohl und lerne dies:
Auf einer schönen Blumenwies
vom Wohlgeruch sind angezogen
die Bienen, die herbeigeflogen.

Doch andrerseits, so merk dir das:
Wo’s nach Fäkalien riecht und Aas,
in einem solchen Ekelpfuhl,
da fühlt sich keine Biene wohl.

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2 Antworten zu Von Liebe, Lieblosigkeit, Bienen und anderen Vögeln

  1. docdreyer schreibt:

    Dein Gedicht ist ja echt schön und auch dass Du generell die „Prosa“ wählst um Dich auszudrücken, ist verständlich. Aber nur weil Leute zu Deiner (wie ich finde polemischen) Kritik an der Volxbibel Stellung beziehen, macht es sie noch lange nicht zu „neo-evangelikalen“. Vielleicht kennst Du Dich auch nicht so wirklich im christlichen Lager aus? Auf jeden Fall kommen die Hauptkritiker gegen die Volxbibel genau aus dem, wie Du es nennst, „Neo-Evangelikalen“ Lager! Vielleicht hast Du Dich auch verschrieben? Befürworter des Projektes gibt es übrigens aus allen Schichten und religösen Strömungen. Charismatiker, Katholiken, Ev. Landeskirche, Baptisten, Pfingstler und ja, sogar in einigen Brüdergemeinden gibt es Volxbibel-Fans. MFG Die Biene

    • chrysostomosde schreibt:

      Lieber Martin alias „Die Biene“ [nette Anspielung 😉 ],

      zuerst mal danke für die Blumen. Und ja, das Gedicht ist polemisch. Absichtlich. Satire ohne Polemik ist wie Suppe ohne Salz: fade.

      Zur Volxbibel: Die Bibel in eine Sprache zu übertragen, die verstanden wird, finde ich grundsätzlich gut, aber offen gesagt bin ich von der Volxbibel nicht begeistert – siehe die letzten beiden Strophen. Gott ist heilig; darum kann man ihm bzw. seinem Wort nicht einen Stil oder Wortschatz aufdrücken, der schlicht vulgär ist. Luther sagte in seinem Sendbrief vom Dolmetschen zwar, daß man dem Volk aufs Maul schauen soll, aber nicht, man solle dem Pöbel nach dem Mund reden.

      Keine Angst, im christlichen Lager kenne ich mich bestens aus. Hingegen scheinst Du mir in Sachen Neo-Evangelikale die Ursache mit der Wirkung zu verwechseln. Ursprung und Merkmal der Neo-Evangelikalen ist ja kurz gesagt, daß sie für alles offen sind und sich allein davon abgrenzen, sich von anderen abzugrenzen. Daher auch ihr breites Spektrum, das Du recht umfassend aufzählst.

      Es geht mir übrigens nicht darum, daß jemand mich persönlich kritisiert hätte. Vielmehr sind viele Leute von heute – Weltliche wie Fromme – nicht mehr kritikfähig: weder fähig, Kritik sachbezogen zu äußern, noch fähig, solche zu ertragen. Aus Deinen Worten gewinne ich den Eindruck, Du gehörst nicht dazu; aber es wäre schön, wenn Du Dir die Kritik an der Volxbibel zu Herzen nehmen würdest.

      MfG
      Chrysostomos

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